An der Wand und im Leben

Da hing es an der Wand. Schon lange. Es gehörte dazu wie andere Möbelstücke in dem Zimmer.

Es ist das Bild mit Jesus als gutem Hirten. Jesus hat einen Heiligenschein um den Kopf, in seinem Schoß ein kleines Lamm und um ihn herum lauter Schafe. Im Hintergrund geht die Sonne unter und vorne steht mit weißer Schrift: Ich bin der gute Hirte. 

 

Manche würden vielleicht sagen, es sei kitschig und altmodisch. 

Marie ist es wichtig. 

Als sie ein junges Mädchen war, wurde es ihr von den Eltern geschenkt. Ein Wunsch, dass Jesus ihre Tochter beschützen soll. Dass er auf sie aufpasst und ihr einen guten Weg zeigt. Eben wie ein guter Hirte.

 

Jesus als der gute Hirte. Ja, das passt. Passt zu dem Bild. Passt zu ihrem Leben. Zu ihren Wegen. Zu ihrem Glauben.

 

Geboren wurde sie, als es in unserem Land noch einen Kaiser gab. In einem kleinen Ort ist sie groß geworden mit sieben weiteren Geschwistern.

Es war eine Zeit, die sehr viel anders war als heute. Bescheiden, ohne technische Geräte, weniger Annehmlichkeiten, aber auch mit mehr menschlichem Miteinander in der Familie und im Dorf.

In der elterlichen Landwirtschaft galt es auch für die junge Marie, anzupacken und mitzuhelfen. Auch ein Dutzend Schafe gehörten damals dazu. Und nach der Schule, so erzählte sie immer wieder, ging es mit den Hausaufgaben zu den Schafen raus.

Und dann, wenn es Zeit war, mussten die Schafe heimgetrieben werden. „Das waren manchmal Luder“ sagte sie. „Wollten immer weg vom Weg und nicht folgen“. Mit einem Holzstecken und dem Hund ging es dann hinterher, um die Schafe wieder auf den richtigen Weg zu bringen.

„Und Angst hatte ich vor wilden Tieren – ich war ja ganz alleine. Wobei, ach, alleine war ich da nie so. Ich habe immer an den Psalm 23 gedacht. Den musste ich als Konfirmandin auswendig lernen. Ich habe ihn gebetet als Zeitvertreib oder dann, wenn es schon dunkel wurde und ich Angst hatte. Wenn ich auf meine Schafe aufpasse, dann doch der liebe Gott auch auf mich, oder?“ 

 

Die kleine Marie wurde älter, zog um und heiratete. Drei Töchtern schenkte sie das Leben. Und wenn Marie so erzählte, leuchten ihre Augen. Eine glückliche Zeit. Das hätte ewig so weitergehen können. Da war alles in Ordnung. Und im Schlafzimmer hing ihr Bild von Jesus als gutem Hirten. Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts fehlen. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser! Ja, so hat sie sich gefühlt.

 

Aber leider blieb es nicht so. Der II. Weltkrieg kam und nahm ihr den Mann. Ein großer Schmerz. Sie stand auf einmal alleine da und musste sich und die Kinder durchbringen.

Mit im Haus lebten ihre Schwiegereltern. Die machten ihr das Leben schwer. Nie war etwas recht und immer wurde gemäkelt. Sie half mit, wo es ging. Putze bei anderen Leuten, half einem Bauern im Stall. Und für ihre Kinder wollte sie ja auch gut da sein. Ein grausames finsteres Tal.

 

Da hat sie abends, wenn sie dann endlich ins Bett kam, manchen Seufzer getan. 

Und dort über ihrem Bett das Bild. Mit Jesus und den Schafen. 

Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, so fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir? 

 

Das Leben ging weiter. Kleine und große Feste wurden gefeiert. Und sie schaffte es, aus dem wenigen, was sie hatten, viel zu zaubern. Sonntags sollte der Tisch immer reicht gedeckt sein, und die Gläser voll eingeschenkt. Sie schuf für die ihren Heimat. Und sie lernte wieder lachen und nach vorne zu schauen. Es braucht eben alles seine Zeit, dachte sie.

 

Und wenn sie dann abends allein in ihrem Zimmer war, kamen die Erinnerungen, die Dankbarkeit und manchmal auch die Tränen.

Und dort über ihrem Bett das Bild. Mit Jesus und den Schafen.Ich bin der gute Hirte und kenne die meinen.

 

Die Töchter wurden älter, machten ihre Ausbildungen und heirateten. Zogen weg, gingen eigene Wege. Für Marie war das nicht einfach. Loslassen ist eine harte Lektion. 

Die Töchter und dann auch bald die Enkel und noch später die Urenkel kamen immer wieder zu Besuch – und dann war Leben in der Bude. Marie musste dann mit auf dem Boden liegen, wilde Tiere nachmachen oder draußen helfen, beim Bau eines Lagers. Da knackten die Gelenke heiter der Freude entgegen.

 

Mit dem Alter kamen auch körperliche Beschwerden. Das Laufen wurde zunehmend mühsamer, die Kraft ließ immer mehr nach.  Gejammert über ihre Lage hat Marie nicht. Es geht doch noch, hat sie immer gesagt. 

Irgendwann ging es dann nicht mehr. Sie zog in ein Altersheim in die Nähe einer ihrer Töchter. Ihre Welt war nun ihr Zimmer. 

Und dort über ihrem Bett das Bild. Mit Jesus und den Schafen.

Verlassen konnte sie ihr Bett kaum mehr. Doch wenn man in das Zimmer kam, saß sie meistens aufrecht in ihrem Bett und die Augen schauten einen wach an.

 

Wie hast Du das alles bloß gepackt? Was hat Dir da die Kraft gegeben? Wie machst Du das, dass Du so zufrieden bist? So fragten manche Besucher.

 

Und Marie blickte dann immer auf das Bild über ihrem Bild. Mit Jesus und den Schafen. Und sie sagte: Ich habe immer gebetet, dass Jesus auf mich aufpasst und dass er mich begleitet. Und ich habe viel spüren dürfen: so schöne Zeiten, die leuchten wie das grüne Gras und sich anhören wie frisches Wasser. Und auch das schwere habe ich geschafft. Und es hat sich alles gefügt. Und darum bin ich dankbar.

 

Die Tochter lächelte. Gerade hatte sie die Einladung zur Goldenen Konfirmation bekommen. Gott und Kirche, für sie war das eher Märchenstunde, dafür gab es in ihrem Leben kein Platz.

Aber laut sagte sie das nicht. Sie wollte ihre Mutter nicht verletzen. Die Enkel wollten dann diskutieren. Über Gott und die Welt. Über Beweise und das Leid. Marie hörte zu. Ich bin nicht so klug, sagte sie, und ich weiß auch nicht, was der Herrgott vorhat. Doch ich vertrau, dass er es gut macht. So wie meine Schafe mir damals als junger Hirtin vertraut haben.

 

Nicht lange nach ihrem 100. Geburtstag verschlechterte sich der Gesundheitszustand von Marie.

Der letzte Weg wurde nochmals schwer. Alle waren sie da an ihrem Bett, hielten ihre Hand, weinten. Und in der folgenden Nacht hörte ihr Herz auf zu schlagen.

 

Und dort über ihrem Bett das Bild. Mit Jesus und den Schafen.

Und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar. 

Da war ihr Glaube gewesen. Und nun war Marie dort, in der himmlischen Heimat.

 

Bald nach der Beerdigung wird das Zimmer im Heim ausgeräumt. Es muss Platz gemacht werden. Die Möbel sind alt und die Kleider will keiner mehr tragen. Viel wird weggeschmissen und einiges verschenkt.

 

Nur das Bild nicht. Es hängt jetzt beim jüngsten Enkel im Esszimmer.

Erinnert an Oma Marie. An ihr Gottvertrauen

An die Wege, die wir selber wählen oder gehen müssen. 

An grüne Auen, frisches Wasser und finstere Täler.

Fragt nach unserem Glauben.

 

Es hängt einfach nur da wie es immer da hing.

Als Wunsch. Als Einladung. Als Gebet. Als Zumutung. Als Zuspruch. Als Frage: Was glaubst Du? Wem traust Du?

 

Der HERR ist mein Hirte,

mir wird nichts mangeln.

Er weidet mich auf einer grünen Aue

und führet mich zum frischen Wasser.

Er erquicket meine Seele.

Er führet mich auf rechter Straße

um seines Namens willen.

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,

fürchte ich kein Unglück;

denn du bist bei mir,

dein Stecken und Stab trösten mich.

Du bereitest vor mir einen Tisch

im Angesicht meiner Feinde.

Du salbest mein Haupt mit Öl

und schenkest mir voll ein.

 Gutes und Barmherzigkeit

werden mir folgen mein Leben lang,

und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

 

Amen.