Die Sache mit dem Koffer

Szene1

Kofferpacken ist bei mir oftmals eine Qual.

Am Ende des Platzes sind immer noch so viel Klamotten übrig.

Da wird gestopft und gepresst. Der eine Fuß presst den Deckel auf den anderen Teil des Koffers.

Mit letzter Mühe rastet der Verschluss ein und ich hoffe, dass er nicht platzt oder ich am Flughafen den nochmals aufmachen muss.

 

Ich bewundere meine Mutter, die damals vor einem Urlaub immer für meinen Vater, sich, meinen Bruder und mich, die Koffer gepackt hat. So, dass alles genau in den Kofferraum des alten Mercedes gepasst haben. Und nie wurde etwas vergessen und alles fand Platz.

 

Ich vergesse gerne etwas. Und meistens wird das mit dem Platz bei der Rückreise noch schwieriger.

  

Szene2

Ich packe meinen Koffer und nehme mit...

 

Dieses Spiel war Trauma meiner Kindheit. Ich weiß, dass es das Gedächtnis trainiert. Man wiederholt alles, was vor einem gesagt wurde und fügt dann einen eigenen Gegenstand dazu. Als Kind habe ich es nicht sonderlich gemocht, vor allem, wenn man ganz am Ende dran war.

Und überhaupt, wer würde schon so einen Koffer packen?

Handschuhe, Hund, Schokolade, Fernseher, Dinosaurier, Auto, Wagenladung an Naschkram, Bett, Mallorca, Träume, ..

Da müssten unsere Fluglinien aber zackig ihre Beförderungsrichtlinien ändern.

Ich packe meinen Koffer

Wenn es einen unsichtbaren Koffer gäbe, der mit zu Deinem Leben gehört und Dich begleitet, wohin auch immer Du gehst und Du würdest den aufmachen....

 

Oben auf vielleicht die Mathearbeit mit der drei,

das leckere Mittagessen von heute

der Streit mit dem Nachbarn

den tollen Filmabend

 

Weiter unten entdeckst Du Sachen, die Dir andere eingepackt haben:

Von der Oma: Älteren Leuten macht man im Bus Platz

Vom Lehrer, dass man im Englischen nicht it gives sondern there are sagt

Von der Mutter Liebe

Vom Freund das Wissen, wie man einen Spicker so platziert, dass einen der Lehrer nicht sieht

Von der Tante die Geschichten, wie es früher war

Von Deinem Kind die Freude am Schokopudding mit Sahne

 

Da liegen auch:

die Enttäuschung, nachdem Dein bester Freund Dich verraten hat

die Kraft, die Dich eine Bewerbung gekostet hat

Selbstzweifel, weil Dein Vater Dich nie gelobt und Dich zu oft Versager genannt hat

Langeweile, weil der Gottesdienst noch immer nicht fertig ist

Der Schmerz nach dem Tod Deines Partners

 

Und Du selber hast da auch manches reingetan:

 

Der Traum, einmal Pilot zu werden

Wie geil der erste Kuss war

Die Entscheidung, die Mutter ins Pflegeheim zu geben, weil es zuhause nicht mehr ging

Die Leidenschaft für Tiere

Kraft durch tägliches Training im Fitnessstudio.

 

Ich entpacke meinen Koffer

Unsere Koffer sind voll mit

Menschen

Überzeugungen

Erfahrungen

Entscheidungen

Hingabe

Gefühlen

Dem, was wir stolz zeigen

und den Dingen, für die wir uns schämen

 

Manchmal denke ich, unsere Koffer sind zu voll.

Dass wir zu viel mit uns herumschleppen.

Manche Leute wirken so

Nicht frei und unbeschwert, sondern 

als würden sie ein großes Gewicht mit sich herumtragen

Zuviel Erwartungen

Zuviel Müssen

Zuviel schwere Vergangenheit

 

Mit meinem Koffer möchte ich durch mein Leben hüpfen.

Platz haben für neues. 

Manchmal muss es wohl heißen: Ich entpacke meinen Koffer

Frei werden.

Das geht nicht von jetzt auf Nachher oder im Vorübergehen.

Ich schaue mir das an, was da in meinem Lebenskoffer ist – tut es gut, hilft es mir beim Leben oder hat es seine Zeit gehabt und jetzt ohne Nutzen? Ist es nur drin wegen anderer Menschen? Zieht es mir nur Energie ab und lässt mich leer zurück.

Dann getrost über Bord damit.

 

Ich packe meinen Koffer

Lange habe ich gedacht, in meinen Lebenskoffer müssten auch viele Dinge aus dem Bereich der Religion gehören. In meiner Konfirmandenzeit habe ich viel auswendig lernen müssen: Ein Heft mit 40 Seiten. Ich habe gedacht, als echter Mensch und Christ muss man das wissen. 

Ich habe im Studium schlaue Sätze gelernt, Antworten für jede Situation. Ich habe gelernt, Gott ist so und so, Jesus will dies und jenes, wer mal in den Himmel kommen will, darf das und jenes nicht.

 

Je älter ich wurde und umso mehr Menschen ich traf, umso mehr habe ich davon weggeschmissen.

Weil fromme Phrasen, hinter denen man nicht stehen kann, niemandem etwas nützen.

Weil Gott tot ist, wenn ich scheinbar selber alles besser weiß, warum etwas so ist und nichts anders.

 

Ich habe entpackt und Platz geschaffen.

Glaube braucht Platz.

Für Erfahrung.

Für eigene Worte.

Für Schweigen.

Für Leere.

Für Zweifel.

 

Und ich habe etwas wiedergefunden, das ich schon längst vergessen hatte: Meine Taufe. In einem Album klebt ein Bild. Wie ich am 18.5.1980, rund zwei Monate nach meiner Geburt in einem weißen Kleid auf einem weißen Kissen auf dem Esstisch liege als frisch getauftes Kind. Ich habe keine Ahnung mehr, wie das war.

Wenn Menschen getauft werden, wird das gemacht, weil Jesus es seinen Freunden mit auf den Weg gegeben hat. Taufe als ein Zeichen: Die Verbindung Gott-Ich steht. Wie WLAN, nur besser und überall. 

 

Über lange Strecken hatte ich das ganz vergessen, nicht darüber nachgedacht. Dass Gott um mich herum geschieht, dass ich ihn in mir trage und ihm meine Hände, Stimme und meine Taten leihen kann. Das liegt jetzt weiter oben.

Denn ich habe es erlebt, dass er da war. Vor allem dann, als es kritisch wurde in meinem Leben. Da wurde ich mutig, hatte Kraft – so kannte ich mich nicht. Und manchmal habe ich einfach nur gelernt, auszuhalten, wenn Dinge nicht besser wurden.

 

Ich packe meinen Koffer.......nicht

 

Darum: Ich packe meinen Koffer nicht mit unnötigem Müll, der ganze Mist, den man scheinbare haben muss. Ich packe ihn nicht, sondern lasse Platz. Freiraum. Für das, was ich noch nicht weiß und nicht sehe, für Wunder, für den Augenblick, für das, was ich dann, wenn es passiert, festhalten will – zumindest für den Augenblick.

 

Wir als Teamer und Pastoren stopfen Eure Lebenskoffer nicht voll. Wir bieten Euch etwas an, zeigen Euch etwas aus meinem Lebenskoffer: Wer Gott für mich ist, was ich jetzt glaube und warum Kirche eine geile Sache ist. Wir erinnern Euch, dass Ihr kein Zufall seid, sondern dass Ihr alle Gottes Gesicht tragt, ob das andere so sehen oder nicht. Wo liegt das in Eurem Koffer, die Erinnerung, dass Ihr Ausdruck von Gottes Liebe seid, dass Ihr Gesegnete und Segen zugleich seid?

Eure Eltern werden Euch da hoffentlich auch etwas zu zeigen haben. Und mit Euch vielleicht die Dinge anschauen, die Ihr mit uns erlebt: Gottesdienste, Texte, Themen. Und dann gemeinsam überlegen: Packe ich das in meinen Koffer oder nicht? Hilft mir das im Leben? Hilft das, mein Bild von Gott zu erweitern?

 

Bei der Konfirmation schaut Ihr Euch das dann an und sagt Ja oder Nein dazu.  

Und bis dahin sage ich: Frohes Packen und ran an die Koffer.

Amen.