Engel oder Esel

Keine Frage. Die Engel haben es in der Advents- und Weihnachtszeit einfacher.

Sie fliegen durch Schaufenster und auf dem Geschenkpapier umher.

Kinder ziehen Bettlaken und kleine Flügel über und sehen einfach goldig aus.

Die Engel. Luftig. Leicht. Fröhlich. 

 

Esel haben es da nicht so einfach.

Sie rutschen uns höchstens aus dem Mund. Wenn uns jemand die Vorfahrt nimmt oder es mal wieder nicht schnell genug gehen kann an der Kasse.

Esel stehen in keinem Schaufenster und zieren kein Geschenkpapier. Und im Krippenspiel fristen sie höchstens ein Randdasein. Esel – das möchte keiner sein.

 

Engel oder Esel.

 

Bei der Geschichte über den Einzug von Jesus in die Stadt Jerusalem hat ein Esel eine tragende Rolle.

 

Und als sie sich Jerusalem näherten und nach Betfage an den Ölberg kamen, da sandte Jesus zwei Jünger aus und sagte zu ihnen: Geht in das Dorf, das vor euch liegt, und gleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr. Bindet sie los und bringt sie zu mir! Und wenn jemand euch Fragen stellt, so sagt: Der Herr braucht sie, er wird sie aber gleich zurückschicken. 

Das ist geschehen, damit in Erfüllung gehe, was durch den Propheten gesagt ist: Sagt der Tochter Zion:Siehe, dein König kommt zu dir, sanft, und auf einem Esel reitend, auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers. 

Die Jünger gingen und taten, was Jesus ihnen befohlen hatte, brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider auf sie, und er setzte sich darauf. 

Eine riesige Menschenmenge hatte auf dem Weg ihre Kleider ausgebreitet, einige schnitten Zweige von den Bäumen und breiteten sie auf dem Weg aus. 

Und die Scharen, die ihm vorausgingen und die ihm folgten, schrien: Hosannadem Sohn Davids! Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn, Hosanna in der Höhe!

Und als er in Jerusalem einzog, geriet die ganze Stadt in Aufregung, und man sagte: Wer ist das? 

Die Leute aber sagten: Das ist der Prophet Jesus aus Nazaret in Galiläa.

 

Engel oder Esel.

 

Manchmal im Alltag fühlt man sich nicht wie ein Engel. Luftig. Leicht. Froh. 

Manchmal ist man kein Engel.

 

Manchmal im Alltag fühlt man sich eher wie ein Esel. Arbeit. Sorgen. Schuften. Trübsal. Müde. 

Manchmal da ist man ein Esel. Störrisch. Unbelehrbar. 

Da kann ich nicht mehr, anderen bieten Hilfe an, aber ich bin zu stolz und lehne die Hilfe ab.

Da gilt es zu verzeihen, aber ich lasse mein Herz hart bleiben und verweigere die ausgestreckte Hand.

Da lebe ich an Gott vorbei, lasse ihn als alten Mann irgendwo sein, aber wenn es hart auf hart kommt, hadere ich mit ihm.

Da schiebe ich die Schuld und Last immer auf andere. Sollen die doch.

Manchmal da ist man ein Esel.

 

Wie gut, dass Jesus einen Esel genommen hat.

 

Der Esel wird sich gewundert haben. Hat erst vielleicht noch Tonkrüge mit Wasser auf dem Rücken gehabt. Wie jeden Tag denselben Weg benutzt. Dann wird er von zwei Männern woanders hingebracht. Ein Mann setzt sich darauf und reitet in die große Stadt. 

Und die Menschen schreien und rufen. Der Esel muss über Kleider und Zweige gehen. Der Platz wird eng. Und vielleicht läuft der Esel auch etwas rot an. Der Mann auf ihm, das muss ein wichtiger sein. Ab und zu wird er von ihm sanft berührt.

Alle rufen: Hosianna. Hilf doch. Ob das ein König ist? Doch so richtig wie ein König sieht dieser Mann ja nicht aus.

Und der Esel fühlt sich stark. Läuft aufrechter. Sein I-A klingt heiter. Er trägt jemand wichtiges hinein in die Stadt.

 

Menschen tragen Lasten.

Lasten mit den Namen Arbeit und Verantwortung, Krankheit und Schuld, Suche um Anerkennung und Zweifel.

Manche bekommen viel aufgebürdet und es wird nicht weniger. 

Das Leben ist da kein Sonntagsspaziergang.

Sie seufzen.

 

Jesus braucht kein edles Pferd, kein Wagen. Er nimmt einen Esel. Schlicht und einfach. 

Und mit ihm reitet er in die Stadt. Dort, wo die Menschen sind. Menschen, die etwas von ihm erwarten. Menschen, denen er etwas zu geben hat.

 

Damals hat es angefangen. Gott kommt in Jesus auf die Welt. Die Zeit war erfüllt, weil er etwas zu geben hatte. Etwas, was die Welt sich nicht selber geben kann. Woran sie bis heute erinnert werden muss: Güte, Frieden, Vergebung, Schönheit, Hoffnung.

Weiter ging es, als Jesus als Erwachsener zu den Menschen kam, reich wie arm, großen und kleinen, guten und bösen. Sein Leben hat es gepredigt und gezeigt: Ich bin euer Weg.

 

Und es hört nicht auf. Mit uns geht es weiter.

 

Wir bringen Gott in die Welt. Tragen ihn mit unseren Worten, unseren Händen, unseren Herzen, unserem Lachen, unserem Leben in die Welt.

Dorthin, wo er erwartet wird. Dorthin, wo Gott etwas zu geben hat.

 

Ein Esel. Was für ein ermutigendes Tier. 

Und dann, wenn ich nicht bin wie ein froher und reiner Engel bin, wenn ich nicht stark bin wie ein edles Pferd, dann will ich an jenen Esel denken.

 

Ein unscheinbares Lastentier, störrisch, dreckig, alltäglich, wird zum Träger Gottes. Er ist ihm recht.

Manchmal sind Esel die besseren Engel.

 

Und dann, als alles vorbei war, hat der Esel wieder die Tonkrüge getragen, jeden Tag auf demselben Weg. Aber nie vergessen hat er jenen einen Tag, als alles anders war.

Und der Esel fühlt sich stark. Läuft aufrechter. Sein I-A klingt heiter.

 

Du Esel?  Ja, gerne! 

 

Amen.