Sämänner

 4Eine große Volksmenge versammelte sich um Jesus

und aus allen Orten strömten die Leute zu ihm.

Da erzählte er ihnen ein Gleichnis:

5"Ein Sämann ging aufs Feld, um seine Saat auszusäen.

Während er die Körner auswarf,

fiel ein Teil davon auf den Weg.

Die Körner wurden zertreten

und die Vögel pickten sie auf.

6Ein anderer Teil fiel auf felsigen Boden.

Die Körner gingen auf

und vertrockneten sofort wieder,

weil sie keine Feuchtigkeit hatten.

7Ein weiterer Teil fiel zwischen die Disteln.

Die Distelngingen mit auf

und erstickten die junge Saat.

8Aber ein anderer Teil fiel auf guten Boden.

Die Körner gingen auf

und brachten sofort hundertfache Frucht."

Dann rief Jesusnoch: "Wer Ohren zum Hören hat, soll gut zuhören."

 9Da fragten ihn seine Jünger: "Was bedeutet dieses Gleichnis?"

10aEr antwortete:

11Dies ist die Bedeutung des Gleichnisses:

Die Saat ist das Wort Gottes.

 

Lange war er hierher gefahren. Es war an einem Tag im Herbst des Jahres 2011.

Ein neuer Abschnitt lag vor ihm. Nun würde er gleich das erste Mal den Ort sehen, der sein zuhause werden sollte. Nervös. Unsicher. Hoffend.

Sein Beruf war unter anderem Namen bekannt, aber er betrachtete sich am liebsten als Gärtner. Nicht, dass er viel vom Gartenbau verstanden hätte, aber es gefiel ihm, seine Arbeit so zu betrachten, als wären Worte und Rituale, Glaube und Zeit wie Saatgut.

Saatgut, das in Menschenherzen gestreut, wächst, Frucht bringt und Blüten treibt.

 

Im Vorbeifahren schaute er aus dem Fenster. Was das moosige Lande im Vogelsberg wohl für Boden sein würde? Gehört hatte er schon manches: Hart. Schwer zum Wurzelschlagen. Rau. 

 

Er wusste, dass manche Leute in der Vergangenheit Schwierigkeiten mit ihm gehabt hatten. Weil er Männer liebte. Weil er stolz darauf war, dass Gottes Garten ein bunter ist. Weil er sich nicht einsperren ließ in die akkurat geschnitten moralischen Vorgärten mit ihrem schwarz und weiß. 

Als Gärtner wollte er weiter arbeiten. Einfach nur das tun, was schon immer sein Traum gewesen war. Mit lachenden Augen. Mit Lust am Probieren. Mit wachsendem Herzen.

 

Er wurde willkommen geheißen. Für manche damals vielleicht ein Wagnis.

Ein Stein fiel ihm vom Herzen. Und damals, wenn er dann alleine war, weinte er manchmal vor Glück. Seine Dankbarkeit wollte er zeigen. Ans Werk gehen als Gärtner im Mooser Grund.

 

Streute Worte und Rituale, Glaube und Zeit, als wären es Samen und Körner.

Arbeite mit, den Garten Gottes blühen zu lassen. 

Noch bunter und lebendiger. 

Machte Menschen Lust, zu staunen und mitzuarbeiten.

Die Liebe duften sehen. Den Glauben Wurzeln schlagen lassen. 

Mit den Menschen sein als würde man im Leben wie in einer Blumenwiese liegen.

 

Ja, er war auch ein eitler Gärtner. Der gerne auffiel und im Mittelpunkt stand. Der manchmal vielleicht zu oft in Zeitungen war als in den Häusern derer, die ihn gebraucht hätten. 

Und manchmal war er auch einer, der rot wurde, wenn andere ihn zu sehr lobten und der traurig war, wenn andere sich kleiner machten als sie waren.

 

Und manchmal wusste er nicht, wie er es anpacken sollte.

Da ging es nicht so, wie er es wollte. Da machte er Fehler. Da war er zu ungeduldig.

 

Und manchmal hatte er keine Kraft mehr.

Da gab es Widerstand. Da ging es nicht weiter. Da war es zu viel.

 

Und manchmal wollte er kein Gärtner mehr sein.

Weil er einsam war. Weil er hilflos war. Wenn sein Glaube leer wurde.

 

Er war nicht alleine. Jeder der Menschen hier war auf seine Weise ein Gärtner. Bestellte seinen Lebensboden. Rang mit Unkraut, pflanzte Träume. Säte. Erntete.

Und er stellte sich an ihre Seite. Fragte und schaute. 

Und die Menschen öffneten Häuser und Herzen, zeigten sich und ihr Leben. 

 

Schwerer Boden und Tränensaat.

Damals im Krieg, der Vater gefallen, als man sich mit Mutter und Geschwister durchschlagen musste. 

Als das Leben nur aus Arbeiten von früh bis spät bestand und dennoch kaum genug zum Leben da war.

An jenem Tag, als der Sohn so plötzlich starb und die Verzweiflung wie Disteln alles überwucherte.

 

Tränensaat bei den Familien der 75 Menschen, die er hier bestattet hatte.

Und er lernte mit ihnen zu klagen und zu weinen. Zu schweigen und zu beten.

 

Guter Boden und Freudenernte.

Kinder und Jugendliche, die offen und lebendig waren und die das Leben wie einen Löwenzahn durch alle Erstarrung trieben. 

Paare, die auch nach 50 Jahren nicht mit Zärtlichkeiten sparten und deren Augen das Licht der Liebe bargen als wären es Diamanten. 

Orte, in denen man gemeinsam Schlachtfeste, Dorftage und Kirmes stemmte, lachte und fröhlich war.

 

Freudenernte bei den Feiern der 46 getauften Kinder, den 29 konfirmierten Jugendlichen, den 23 kirchlich getrauten Ehepaaren und 20 gottesdienstlich gestalteten Ehejubiläen. Bei Geburtstagen und Festen. Und der Gärtner lernte mit ihnen zu feiern, zu hoffen und zufrieden zu sein.

 

Über drei Jahren lernte er von ihnen. Und sie lernten von ihm.

 

Harter Boden? Schwer zum Wurzelschlagen? Rau?

Nein, das hatte er so nie empfunden. Für ihn war es Heimat, ein bisschen wie das Paradies.

 

Und er sah diesen Garten. Sah die gelegten Furchen und Samen. 

Sah das, was gewachsen war. Bunt. Beständig. Lebendig.

Manches so wie er sich das vorgestellt und gewünscht hatte. 

Manches ganz anders. 

Und manches gar nicht. 

Festgetretene Wege, harter Fels, wuchernde Disteln, fruchtbarer Boden – es gab alles.

 

Und er sah sich an. Er hatte sich verändert.

Eine Beziehung war auseinander gegangen.

Schoko gab es bei ihm nun auch vierbeinig und zum Abnehmen.

Aus schwarzen Haaren wurden mehr und mehr graue.

Der neue Mini war einem neuen alten gewichen.

Er wusste nun, dass Kippel, Gläsjes oder Grischeibersch keine Nachnamen sind, die man im Telefonbuch findet, dass die „Kipp“ keine Zigarette ist, das Urfft ein Zustand ist, in dem man keinen Regenschirm braucht, dass Kolder das ist, was im Schwäbischen „Deppich“ heißt, das Beutelches gebraten am besten schmeckt und man Kartoffeln nicht nur zur Wurst, sondern auch in ihr vorzüglich essen kann.

 

Und er sah das Feld seines Herzens. 

Dort, wo die Menschen, die zu ihm gehörten und die ihm anvertraut waren, in ihm etwas gesät hatten.

Sah die gelegten Furchen und Samen.

Sah das, was gewachsen war. Bunt. Beständig. Lebendig.

Manches so wie man sich das vorgestellt und gewünscht hatte. 

Manches ganz anders. 

Und manches gar nicht. 

Festgetretene Wege, harter Fels, wuchernde Disteln, fruchtbarer Boden – es gab alles.

 

Und er, der sich selber am liebsten als Gärtner sah, wusste eines Tages, es war die Zeit gekommen, den Garten zu wechseln. Den Moos-Grund mit dem Sül-feld zu tauschen.

Nicht, weil die Arbeit getan wäre. Nicht, weil es zu leicht oder zu schwer gewesen wäre. Nicht, weil er hier nicht das Paradies gefunden hätte.

Nein, in seinem Herzen war die Saat einer neuen Liebe gelegt. Und die wuchs und trieb Blüten. Und dieser Teil seines Gartens, den er allzuoft hintenangestellt hatte, war nun dran. Er freute sich darauf.

 

Und so verabschieden sie sich voneinander. Der Gärtner von denen, die hier bleiben.

Der Gärtner hat Sorge, wie das am neuen Ort wird und fragt: Wie wird das werden?

Die, die zurückbleiben, fragen: Wie wird das werden?

Wie wird das werden? Manche fragen so, wenn sie auf ihren Lebensgarten mit den Wegen, Felsen, Disteln und dem guten Boden blicken, mit dem, was an Arbeit aufgeht und das, was an Sinn ausbleibt. 

 

Wie wird das werden? 

 

Ein Sämann ging aufs Feld, um seine Saat auszusäen. Die Saat ist das Wort Gottes.

 

Gott trägt viele Namen, wird in Religion, Kirchen und heiligen Schriften wortreich gepriesen und gelobt. Nicht alles hat uns näher zu ihm gebracht. Jesus nennt ihn Sämann. Er hatte einst den Samen für diese Welt in das Nichts gelegt, sie behutsam beim Wachsen begleitet. Sein Saatgut ist das Wort. Ich liebe dich. Fürchte dich nicht. Du kannst umkehren. Dir ist vergeben. Gib nicht auf. Ich rette.

 

Ein Sämann ging aufs Feld, um seine Saat auszusäen. Die Saat ist das Wort Gottes.

 

Und sie alle, die da an den Feldern ihres Leben stehen, sehen den großen Sämann. Gott. 

Und sie fragen ihn: Sag uns, Sämann, was sollen wir tun? 

Unsere Verzweiflung ist manchmal hart wie Boden, da fruchtet keine Hoffnung mehr.

Unser Glaube fühlt sich manchmal an wie ein festgetretener Weg. Da geschieht nichts mehr.

Unsere Sorgen wuchern manchmal wie die Disteln. Sie nehmen unserem Leben Licht und Freude.

 

Gott sagte nichts. Ging weiter aufs Feld, über alle Felder und streute aus. Mit voller Hand. (Konfetti)

Und sie schauten ihm zu. Der Gärtner. Und die anderen Gärtner. Und sie wunderten sich. 

Gott streute großzügig.(Konfetti)Über den fruchtbaren Boden, über Wege, Felsen und Disteln. Pure Verschwendung und er schien Freude daran zu haben. (Konfetti)

 

Sie kannten es anders: Das teure Saatgut wird in ihren Gärten immer direkt aus dem Tütchen oder einer Maschine ausgebracht, damit nur nichts daneben geht und alles gleichmäßig wird.

Sie kannten es anders: Leben nur in geordneten Bahnen, nicht aus der Reihe tanzen, nur das angehen, was einem etwas bringt oder sich lohnt, nur nichts verschwenden an Zeit, Liebe und Leidenschaft. 

 

Der Sämann griff tief in seine Tasche. Saat vom Rand rieselte in die Mitte nach. Sie schien endlos. (Konfetti)

 

Gott wusste wohl: Nicht alles wird aufgehen. Glaube wird vom Schicksal zertreten. Liebe kann vergehen. Hoffnung wird von Sorgen überwuchert. Menschen verachten ihn. Führen Kriege, treten die Samen der Menschlichkeit in den Dreck. Aber es hinderte ihn nicht.

Und er holte mit der Hand aus und streute die Saat lachend im großen Bogen über ihre Felder und Herzen. Die Körner purzelten munter auf alles. (Konfetti)

Fülle. Verschwendung. Freude. Es war genug da. Für alle.

 

So wird es sein. Bei den Gärtnern im Moos-Grund. Beim Gärtner auf dem Sül-Feld. Wo auch immer sie sein werden. Und was auch immer kommt. 

So wird es sein. Wenn sie ihre Herzen und Leben dem großen Sämann hinhalten als wären es Felder. Und dann werden sie warten auf Fülle, Verschwendung und Freude.

 

Und sie schauten sich an. Der Gärtner und die seinen. Sahen das, was ihnen an Saat gegeben war. Gaben. Glauben. Worte. Hände. Liebe. Erfahrung. Und sie begannen zögernd, anders zu säen. Nicht mehr klein und berechnend. Sondern mit Fülle, Verschwendung und Freude. (Konfetti)

 

Und wenn sie achtsam sind und sich umsehen, werden sie es sehen: Die Welt hat sich verändert. Ist bunter geworden. Ihre Mühe war nicht umsonst. Da ist etwas gewachsen, was bleibt.

 

Moos-Grund. Sül-Feld. Denke POOS-itiv.

 

Und auf dem festgetretenen Weg blüht leuchtendgelb der Löwenzahn.

Und auf dem felsigen Hang wächst grünweich das Kalkfelsenfingerkraut.

Und die Disteln verschwinden unter den tiefblauen Blüten der Wickenranken.

Und auf dem Acker wiegen sich lachend die vollen Ähren.

 

Amen.