Himmelshaus

1»Lasst euch im Herzen keine Angst machen.

Glaubtan Gott und glaubtauch an mich.

2Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen.

Sonst hätte ich euch nicht versprochen:

›Ich gehe dorthin, um einen Platz für euch bereit zu machen.‹

3Und wenn ich dorthin gegangen bin

und einen Platz für euch bereit gemacht habe,

werde ich wiederkommen.

Dann werde ich euch zu mir holen.

Denn dort, wo ich bin, sollt auch ihr sein.

4Ihr kennt ja den Weg zu dem Ort, wo ich hingehe.«

5Thomas sagte zu ihm: »Herr, wir wissen nicht,

wo du hingehst.

Wie können wir da den Weg wissen?«

6Jesusantwortete ihm: »Ichselbst binder Weg.

Genausobin ichdie Wahrheitund das Leben.

Es gibt keinen anderen Weg, der zum Vater führt, als mich.

16Dann werde ich den Vater um etwas bitten:

Er wird euch an meiner Stelle

einen anderen Beistand, den Hl. Geist, geben,

einen, der für immer bei euch bleibt.

Ich lebe.

Und ihr werdet auch leben.

 

32 Namen haben wir gehört. Jeder Namen für ein Menschenleben.

32 Mal Trauer und Schmerz. 32 Mal Abschied nehmen vom Großvater, Großmutter, vom Vater, Mutter, vom Mann, Frau, Partner, vom Bruder, Schwester, vom Sohn, von einem lieben Menschen. 

So verschieden diese 32 Menschen, gelebt haben, so hatte jeder von ihnen auch seinen eigenen Weg im Sterben. Manche sind plötzlich aus dem Leben gerissen worden, andere hatte eine Leidenszeit hinter sich, manche waren alt und lebenssatt, manche noch jung, das Leben eigentlich vor sich. Manche wollten sterben, andere haben sich dagegen aufgelehnt. 

Und Sie als Angehörige standen an diesem Weg. Manchmal hilflos, am Ende und alleine. Manchmal helfend , stark und tröstend. 

Menschen haben Ihnen das Beileid ausgesprochen, waren da, haben versucht, zusammen mit Ihnen das gleichsam unausweichliche wie unfassbare zu tragen. Und doch: Loslassen ist schwer. 

Sie, die an den Gräbern standen, wissen es. Und wenn dann der Name erklingt, wenn wir das Bild des Menschen sehen, einen ihm vertrauten Gegenstand sehen, wenn Tage kommen wie der Geburtstag oder Feste wie Weihnachten, dann ist es manchmal so, als wäre es erst gestern passiert. Wir weinen, sind leer.

Und auch wenn die Menschen, die wir hergeben mussten, schon lange tot sind, so kann und darf der Schmerz und die Tränen da sein: im Gottesdienst oder wenn wir an die Gräber gehen. 

Der Tod gehört zu dieser Welt. Eine schmerzhafte Grenze, die wir oft genug wegschieben. Verständlicherweise. Er ist eine Zumutung. Er nimmt uns das, was wir lieben.

 

Wir als Angehörige, Freunde, Nachbarn bleiben zurück. Unser Weg als Trauernde geht weiter. Die Trauer kann wie ein Haus mit vielen Räumen sein. Räume mit Namen wie Einsamkeit, Verzweiflung, Wut, Zorn, Tränen, Verdrängen, Hilflosigkeit, Reden, Schweigen. Diese Räume müssen ausgehalten und durchgangen werden. So unterschiedlich das Leben und Sterben ist, so auch die Trauer. Jeder trauert anders. Jeder darf anders trauern. Lange oder kurz. Öffentlich oder im Stillen. In schwarzen Kleidern oder in bunten. 

Unnötig, Trauer zu verstecken. Ungut, den Schmerz zu verdrängen. Zuviel, um es alleine zu tragen. 

Wenn wir durch die Räume der Trauer gehen, gehen wir manchmal alleine, manchmal mit anderen, aber nie ohne Gott. In den finsteren Tälern hat er seine Begleitung zugesagt.Totensonntag. 

 

Dieser Sonntag trägt noch einen weiteren Namen: Ewigkeitssonntag. 

Davon wurde bei jeder Beerdigung gesprochen, dass unserer Verstorbenen wie Jesus Christus nicht nur gestorben sind, sondern auferstehen zum ewigen Leben bei Gott. Der Tod nicht als Ende, sondern als Übergang in etwas Größeres.

Kann das trösten? Kann man das glauben? 

Für die christlichen Kirchen ist das eine Kernbotschaft wie wir es auch im Glaubensbekenntnis gesprochen haben: ich glaube an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben.

Die Bibel sagt darüber, dass es dort bei Gott keine Tränen, kein Leid, kein Schmerz, keinen Tod mehr geben wird und dass Gott alles neu machen wird.

Wie werden wir dann aussehen? Was werden wir sehen und fühlen? Und was ist die Ewigkeit? Gibt es dann noch Zeit und Raum?  Viele Fragen und Antworten?

 

Die Bibel gibt uns Bilder für die Ewigkeit an die Hand. Eines erzählt Jesus seinen Jüngern. In der Schriftlesung haben wir es gehört. Er spricht von dem Sein bei Gott als ein Haus, das viele Wohnungen hat. Und davon, dass Jesus für uns solch eine Wohnung vorbereitet. Und wenn er das getan hat, holt er uns zu sich. Die Ewigkeit als ein großes Haus mit vielen Wohnungen.

 

Häuser und Wohnungen stehen hier auf der Erde für Heimat. Hier darf ich sein wie ich bin. Gestalte diesen Raum, wie es mir gefällt. Bin geborgen und geschützt. Kann mich zurückziehen. Hier wird gefeiert und nachgedacht, gelacht und geweint. Ein Haus, eine Wohnung, ist mehr als nur vier Wände. Es ist der Raum dazwischen, gewebt mit Geschichten, Begegnungen, Erfahrungen.

 

Jesus sagt: der Tod ist ein Wohnungswechsel. Wer gestorben ist, kann nicht zuhause bleiben. Wer gestorben ist, wird auf dem Friedhof begraben, aber auch dort ist er nicht zuhause.

Zuhause, so sagt Jesus, ist er bei Gott. In seinem Haus gibt es viele Wohnungen.

 

Wie könnte das sein?

Dieses große Haus Gottes hat eine große Türe. Jesus bringt unsere Verstorbenen an diese Türe. Jeder bringt sein ganzes Leben mit, alle Erinnerungen und Erfahrungen, alles, was Kraft geschenkt und Kraft gekostet hat, alles, was sie Gutes getan haben und auch die Fehler.

Dort werden sie dann mit offenen Armen empfangen. Herzlich willkommen zuhause, hier bei Gott!

Dieses Haus hat viele Wohnungen. Vielleicht Wohnungen, auf denen die Namen unserer Verstorbenen stehen. Keiner ist alleine.

 

Manche Wohnungen sind besonders. 

Eine erste Türe steht offen. Die Mühseligen und Beladenen gehen gerne hinein. All jene, die im Leben nichts geschenkt bekamen, sondern sich geplagt haben. Jesus nimmt ihnen die Last ab. Und wenn sie diese Wohnung verlassen, sind sie ganz erleichtert und befreit.

Eine weitere Türe steht offen. Jene, die immer nieder gemacht wurden, die immer nur am Rande standen, gehen hinein. Gott schaut sie an und sie entdecken: ich bin etwas besonderes und wunderbares. Ich muss mich nicht mehr verstecken. Und sie tanzen beschwingt aus dieser Türe wieder hinaus.

In einer Wohnung können Menschen ihre Schuld loswerden. Das, was sie vielleicht lebenslang mit sich herumgetragen haben: den Seitensprung, den finanziellen Betrug, die vielen kleinen und großen Lügen, das sie beim Mobbing gegen den Kollegen mitgemacht haben, den Streit mit den Kindern. Dort wird viel geweint über das, was falsch gelaufen ist. Manche hatten Angst vor diesem Gericht Gottes. Sie sind erstaunt: Es ist ganz anders. Sie weinen und sind erleichert.

Vor einer Türe stehe Rollstühle, Krücken, Rollatoren und anderes mehr. Dort gehen alle Kranken, Gebrechlichen und Verletzten hinein, junge und alte. Gott heilt sie und sie kommen gesund wieder heraus. Keine Schmerzen, keine Krankheit mehr.

Nebenan dringt viel Musik und Lachen aus einer Wohnung. Man hört fetzige Musik, Singen – es wird getanzt. Hier sind alle Fröhlichen beisammen, die schon auf der Erde immer voller Freude waren. Sie spielen weiter und ziehen durch den Himmel.

Hinter der nächsten Türe wartet Gott auf die, die auf der Erde oftmals zornig waren, die gerne ihre Faust geballt haben. Gott segnet sie mit Frieden und Versöhnung. Ihre Hände öffnen sich, sie können nun andere umarmen.

In einem Raum versammeln sich die, die zu kurz gelebt haben. Die, die nicht viel gesehen und erlebt haben. Die noch gerne weiter auf der Erde geblieben wären. Gott begegnet ihnen, hält mit ihnen ihre Klage aus. Und er verwandelt ihren Mangel in Fülle. Jetzt tanzen sie zusammen.

Und so durchschreiten die Verstorbenen diese und noch weitere Räume. Manche werden übersprungen. In manchen bleiben sie länger, in anderen kürzer. 

Doch wohin gehen dann die Geheilten, die Tanzenden, die Entlastenden, die Singenden?

Vielleicht ist mitten in diesem großen Haus Gottes ein großer Saal. Festlich geschmückt ist er. Alle, die hier bei Gott zuhause sind, kommen zusammen. Auch Jesus ist da. Sie begegnen denen, die schon hier sind. Man umarmt sich, erzählt sich viel, feiert und tanzt.

So hätten sie es sich nicht vorgestellt. Es ist so ganz anders.

Jesus sagt: in meines Vaters Haus gibt es viele Wohnungen. Ich will Euch den Weg dorthin zeigen, denn ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Und so wie ich lebe, sollt auch ihr in Ewigkeit, bei Gott, leben. Unsere 32 Verstorbenen und Lieben sind nun in diesen Wohnungen, in diesem Haus Gottes. 

 

Die Ewigkeit als ein Haus mit vielen Wohnungen. Dieses Bild des Hauses benutzt Jesus, damit wir uns das vorstellen können, was Ewigkeit heißt. Ich habe dieses Bild mit Leben gefüllt. Wie jedes Bild hat auch dieses Grenzen. Vielleicht haben Sie andere Bilder: Ewigkeit als Licht, als Landschaft. Solche Bilder nehmen uns an die Hand, geben dem Trost ein Gesicht.

Für manche ein frommes Märchen, klingt zwar nett, aber keiner kann es ja beweisen. Das ist richtig.

Nur warum sollten wir Jesus nicht vertrauen? Warum nur das glauben, was man sieht und beweisen kann? Unsere Liebe zu den Verstorbenen, die Liebe, die wir geben und empfangen, sieht auch keiner, keiner kann sie beweisen und doch hat sie große Macht.

Und dass es uns gibt, verdanken wir Gott, der uns wollte und liebt. Und selbst die Ewigkeit ist nicht anderes als Gottes Liebe, die niemals endet.

 

Jesus sagt: Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin. Ihr aber sollt mich sehen, denn ich lebe und ihr sollt auch leben.  Amen.

 

inspiriert vom Kinderbuch "Wo die Toten zu Hause sind" von Christine Hubka und Nina Hammerle