Gans oder Engel?

Stau auf der Autobahn und nichts geht mehr. Aus lauter Langeweile studiere ich die vielen Aufkleber auf der Rückseite des alten VW-Busses, der vor mir steht.

Etwas vergilbt, aber noch lesbar, ist folgender Satz: Wer einen Engel sucht und nur auf die Flügel schaut, könnte eine Gans nach Hause bringen. Ich schmunzle. Bei Engeln erinnere ich immer das Bild, das früher im Wohnzimmer meiner Großmutter hing. Im Vordergrund gehen zwei Kinder über einen Holzsteg. Hinter ihnen steht im weißen Gewand ein großer blonder Engel, der sie mit seinen Hände umgibt. Ich erinnere mich, wie ich als Kind staunend vor dem Bild stand. Dass Engel auf Menschen achtgeben, fand ich toll. Und sie mussten genau so aussehen.

Ich denke auch an die vierjährige Clara. In der Kita hatte ich sie neulich gefragt, wie sie sich Engel vorstellt. Und ohne zu zögern antwortete sie: „Engel sehen aus wie mein Bruder!“ Das machte mich neugierig. Clara erklärte, dass ihr großer Bruder sie beschützt, wenn sie geärgert wird. Außerdem würde er abends immer so lange am Bett bleiben, bis sie eingeschlafen sei. Ihre Worte ließen keinen Zweifel zu. 

Himmlische Wesen und ganz menschlich – auch die Bibel malt ein buntes Bild von Engeln. Sie sind Beschützer, Boten, Mahner und Kämpfer. Engel geben Gott ein Gesicht, leihen ihm ihre Hände und Worte. So sind sie nicht nur eine Sache von Weihnachten und Dekokitsch, sondern werden zu Fenster mit Blick auf Gott.

Als sich der Stau dann später auflöst, überhole ich den VW-Bus. Ich grüße den Fahrer mit der wilden Rastafrisur und er lacht zurück. Ich hatte die Botschaft verstanden.

 

Sanfte Flügelschläge im sommerlichen Alltag wünscht Ihnen Ihr Pastor Steffen Paar aus Sülfeld